„Mach mit – Bürger für Bürger“, 4/2006

Wir sind 'ne rattenscharfe Band

Die „Rolling Allenstones“,
Frankfurts erste integrative Musikgruppe

Fotos : Gruppenbild mit zwei Damen: Die „Stones“ Fred Lohr, Axel Nennhaus und Wolfram Ritter (von links in der hinteren Reihe). Und davor Wolfgang Witzel, Brigitte Witzel und Susanne Gleiber-Nennhaus.

Der Bass vibriert und macht viel Lärm…die beiden Sängerinnen geben sich viel Mühe, diese Texteile so richtig klingen und swingen zu lassen. Aber Bandleader Fred Lohr ist noch lange nicht zufrieden:“Das müsst ihr viel zickiger bringen..(und jetzt überschlägt sich seine Stimme fast)..der Bass vibriert und macht viel Läääärm…also richtig zickig!“ Er feuert die beiden Sängerinnen an: “Los, noch mal! Aber zickig!“ Der Schlagzeuger frozzelt:“Ja, zickig. Macht`s doch einfach so wie ihr seid..“

Der Bass vibriert und macht viel Lärm, das spürt man sogar im Gedärm…

Bei der Probe der „Rolling Allenstones“ herrscht ausgelassene Stimmung. Freude pur! Die zwei Frauen und vier Männer sind Susanne Gleiber-Nennhaus und Brigitte Witzel (beide Gesang und Ppercussion), ihre Ehemänner Axel Nennhaus (Bass), Wolfgang Witzel (Gesang und Schlagzeug), als Gast Olly Wetzke (Schlagzeug) und Bandleader Fred Lohr (Gitarre). Ein Bandmitglied, Wolfram Ritter, macht zur Zeit Urlaub. Die Luft in dem kleinen Proberaum ist zum Schneiden: etwa 30 Grad, den Musikern läuft das Wasser von der Stirn, der Verstärker dröhnt, als solle das Waldstadion beschallt werden. Aber Fred Lohr hat alles im Griff. Obwohl der 36-Jährige nichts sieht. Nach einem schweren Autounfall mit 20 Jahren ist er erblindet. Trotzdem oder gerade erst recht deswegen hat er studiert: Romanistik und Musikpädagogik.
„Der Drummer lässt die Stöcke fliegen, so hart, dass sich die Bleche biegen..“

Lohr hat nie nachgegeben, auch jetzt nicht bei der Probe. Dann:“Rhythmus-Wechsel 1 auf 2. Hast du das?“ Und ab geht die Post. Humorige Texte über Frankfurter Alltagsgeschichten wie Flirtversuche von Auto zu Auto im Stau, Bembelabenteuer in Sachsenhausen oder U-Bahn-Erlebnisse.“Handkäs mit Musik“ heißt folgerichtig die erste eigene CD der Gruppe.

Den meisten der Band fällt es schwer, die Texte zu behalten oder auch den Programmablauf und ihre Ansagetexte bei Auftritte. Denn sie alle haben irgendwelche Handicaps. Dieses Wort haben sie akzeptiert; aber von auch nur leichten „Behinderungen“ wollen sie nichts wissen.

Zusammen mit Thomas Suckfüll von der Initiative Allenstein im Haus der Volksarbeit e.V.-einer Selbsthilfegruppe mit sozialpädagogischer Unterstützung, die die Ideen behinderter Menschen aufnimmt und versucht umzusetzen – entwickelte Lohr die Idee, einen Musikkurs im Freizeitangebot des Vereins anzubieten. Die Idee zündete. Mit der Zeit entwickelte sich aus dem Kurs eine Band: Und inzwischen machen sie richtig guten Spaß-Rock.

„Die Glocke hat`nen geilen Sound, da ist sogar die Band erstaunt..“

An Anlehnung an Mick Jaggers Altrocker und den Namen der Selbsthilfegruppe (benannt nach deren Gründerin Isolde Allenstein) gaben sie sich den Namen „Rolling Allenstones“.Wie alle Künstler üben sie für öffentliche Auftritte. Denn der Applaus des Publikums, das ist Balsam für die oft verletzten Seelen der „Rolling Allenstones“. Da ist zum Beispiel Axel Nennhaus (47). Als Kind wegen seiner Sprachstörungen immer wieder gehänselt. In die Sonderschule gesteckt, als „behindert“ abgeschoben. Viel zu spät wurde erkannt, dass er eine Zungenlähmung hatte. Im Behindertenclub lernte er Susanne kennen, mit der er so gerne Walzer tanzt. Seit 16 Jahren sind die beiden verheiratet. Und musizieren jetzt zusammen. Er arbeitet als Gärtner beim Grünflächenamt in Höchst.

Axel ist so etwas wie der gute Geist der Band, er schleppt die Instrumente, baut auf und verbreitet im größten Stress noch gute Laune: “Nö. Noten lesen kann ich nicht“, sagt der Bassist schmunzelnd. „Ich mach Musik aus dem Gefühl“. Und wie! Ein bisschen Unterstützung könnte Axel gut gebrauchen. Deshalb sucht die Band über das BüroAktiv Freiwillige, die bei den sechs bis zehn Auftritten der Band im Jahr beim Instrumententransport helfen oder als Gäste auch selbst mitmusizieren möchten. Tröte blasen, Bongotrommel schlagen, Händeklatschen: Hauptsache Spaß an der Sache! So wie Susanne. Am Schluss der Probe hat sie den Bandsong richtig zickig drauf, lässt die Perlenrassel tönen und verrenkt sich fast beim Singen: “Wir sind`ne rattenscharfe Band und rocken bis die Hütte brennt!“

P.V.